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Aglishardt von 1180 bis Heute

Der Edelfreie Albert von Sperberseck, von der gleichnamigen Burg bei Böhringen – über die Hupaldinger und deren Nachkommen, die Mangolte von Sulmetingen, ein direkter Nachfahre Karls des Großen – verkaufte bald nach 1180 vielen Streubesitz in der Markung Böhringen, samt einem Viertel der dortigen Kirche an den Pfalzgrafen Rudolf von Tübingen um 25 Mark (25 Pfund Silber). Die Herren von Sperberseck waren Ministeriale der Herzöge von Teck. Unter dem verkauften Besitz in Böhringen war auch eine Altsiedlung Aglishardt, die etwa 2 km nordöstlich des jetzigen Hofguts Aglishardt liegt. Der Pfalzgraf übergab diesen Besitz alsbald dem um 1182 von ihm gegründeten Kloster Bebenhausen. Probleme traten dann allerdings um 1190 auf, als das Kloster Bebenhausen vom Prämonstratenser- zum Zisterzienserorden übertrat. Unter diesem Orden versuchte es sofort, seinen weit entfernten Streubesitz bei Böhringen zusammen zu fassen, um dort einen autarken Hof, ein 'Grangium', einzurichten. In einem um 1191/1192 abgeschlossenen Vertrag sicherte das Kloster die Unantastbarkeit seiner Güter in Böhringen und Alt-Aglishardt zu. Als Gegenleistung wurde aller fremder Streubesitz aus dem neu gegründeten Aglishardt an die Grenzen außerhalb davon verlegt. Aglishardt als Grangium ist dann erstmals 1204 erwähnt. Ähnlich, wie bei der Gründung von Neu-Aglishardt scheint es auch bei den nachfolgenden Erweiterungen des Hofs in Zimmerbuch (abgeschlossen 1228) und Ichenhausen (abgeschlossen 1276) abgelaufen zu sein. In gütlichen Verhandlungen mit den dortigen Grundbesitzern, konnten diese ebenfalls zur tauschweisen Auslagerung ihres Streubesitzes bewegt werden. Ein 'Bauernlegen', wie es ansonsten von den Zisterziensern gehandhabt wurde, hat es demnach bei der Gründung von Aglishardt nicht gegeben.

Aglishardt erreichte durch diese Erweiterungen eine Größe von insgesamt 601 ha. Dieser arrondierte Besitz wurde danach durch Marksteine gesichert, auf denen ein Abtstab im Relief gehauen ist. Diese Grenzsteine sind teils heute noch vorhanden. In einem Lagerbuch des Klosters wurde 1356 diese Grenze und der Besitz des Klosters in der Markung Böhringen so klar beschrieben, dass dies heute noch in der Örtlichkeit nachvollziehbar ist.

1345 Hofverpachtung: Wohl bedingt durch eine damalige Pestwelle, gab das Kloster den Eigenbetrieb auf Aglishardt bereits 1345 wieder auf. Der Hof wurde an einen Hainrich Kuder aus Böhringen verlehnt, dessen Familie den Hof Aglishardt danach bis 1620 betrieb. Die einmähdigen Wiesen auf Ichenhausen, Zimmerbuch-Lehren und in der Einöde wurden 1345 einzeln an Böhringer Bauern verlehnt. Vertraglich wurde dabei bestimmt, dass, wenn das Kloster jemals wieder drei Gespanne auf dem Hof haben werde – ihn also wieder selbst betreibe – diese Felder dann wieder an den Hof zurück fallen würden. Dazu ist es jedoch nie mehr gekommen.

Abzug des Priesters: 1472 zog das Kloster dann auch seinen Seelsorger von Aglishardt ab, wodurch der kleine Zehnt von dort nunmehr dem Pfarrer in Böhringen zufloss. Die Kapelle auf dem Hof wurde danach teils anderen Zwecken, wie zur Fruchtlagerung und als Aufenthaltsraum für das Gesinde benützt.

1534 Reformation: Im Zuge der 1534 im Land eingeführten Reformation und der danach folgenden 'Verstaatlichung' der Klöster, zogen die Herzoge von Württemberg auch den Klosterbesitz Aglishardt an sich. So kam Aglishardt, das nun dem Tübinger Pfleghof unterstellt wurde, praktisch zum Haus Württemberg. Zwar brachten das Interim von 1547 und das Restutionsedikt von 1639 nochmals kurzfristige Umkehrungen, doch vor Inkrafttreten des Letzteren war Aglishardt bereits von Württemberg weiter verkauft worden.

1620, als der letzte aus der Jahrhunderte langen Pächterfamilie, Peter Leibfart, im Alter von 90 Jahren den Hof aufgab, verkaufte ihn der Herzog an die Gemeinde Böhringen um 12.300 Gulden. Die Gemeinde ließ die Gebäude alsbald abreißen und verkaufte das Ackerland 1624 restlos an Böhringer Bauern. Die großen Wälder des Hofs waren 1620 von der Herrschaft zurückbehalten und dem Forstamt Urach unterstellt worden. Die 1345 über die Wiesen abgeschlossenen Lehensverträge mit den Böhringer Bauern behielten weiterhin ihre Gültigkeit.

Als ab 1634 der 30-jährige Krieg auch Böhringen mit voller Wucht heimsuchte, waren von den 1618 bei der Visitation gezählten ca. 600 Einwohnern, bis zu der Visitation von 1643 nur noch 37 Personen übrig geblieben. Also gerade noch etwa 6 Prozent. Diese wenigen Leute konnten danach weder die Restschuld von 6000 Gulden tilgen, noch den Zins dafür aufbringen. Auf ihr wiederholtes Bitten nahm der Herzog deshalb im Januar 1657 den Hof wieder zurück, ohne jedoch von der bereits gezahlten 6300 Gulden auch nur einen Heller zu erstatten.

Der Böhringer Schäfer Martin Bechtlin, schon seit 1653 auf dem Hof hütend, pachtete ihn 1658 der Herrschaft auf sechs Jahre ab. Er erstellte alsbald ein Wohnhaus in Aglishardt, dessen Baukosten er der Herrschaft von der Pacht abziehen durfte. Von 1668 bis 1674 war der Hof dann von dem Metzger Nikolaus Müller aus Urach um jährlich 70 Gulden gepachtet. Von 1674 bis 1677 war er in Händen von Heinrich Dritta und seines Kompagnon Peter Dünn aus der Schweiz, die jährlich 90 Gulden Pacht bezahlten. Als Peter Dünn 1677 aufgab und für ihn der Schweizer Melchior Zöflinger Mitteilhaber wurde, erhöhte die Herrschaft die Pacht auf 115 Gulden. 1679 übernahm der Schweizer Michael Buchs den Anteil Zöflingers an Aglishardt. Michael Buchs betrieb den Hof dann bis 1700 mit wechselnden Teilhabern weiter. Um 1700 wurde Aglishardt vom Tübinger Pfleghof an die Stiftsverwaltung in Urach übertragen. Von 1700 bis 1737 betrieb die Herrschaft den Hof Aglishardt in eigener Regie. In dieser Zeit war der Böhringer Bauer Andreas Anhorn, als Verwalter auf Aglishardt angestellt. Die Herrschaft erstellte 1699 'ein dreystöckiges Schaf- und Futterhaus, wovon der unterste Stock ein Schafstall, die beiden oberen aber zur Verwahrung des Heus, davon uff dem mittleren Boden über eine gemauerte Bruck das Futter uffgeführet, der oberste Stock aber durch einen Walmen beschlossen wird'. Dieser Schafstall rechts unten im Hof, steht heute noch. 1701 wurde auf der westlichen oberen Seite des Hofs ein zweistöckiges Schäferwohnhaus gebaut, dem bald danach eine Schafscheuer weiter unten folgte. Weil das 1658 gebaute Wohnhaus des Martin Bechtlin inzwischen eingefallen war, wurde 1703 auf der linken Seite des Hofs ein neues Wohnhaus mit einem Viehstall darunter und einem Türmchen darauf, samt einer nördlich daran angebauten Fruchtscheuer erstellt. An das Wohnhaus wurde gegen Süden im Jahre 1737 ein Käshaus angehängt. Dies alles stand auf der östlichen Seite des Hofs, unmittelbar entlang der Durchgangstraßei

Wasserversorgung: Über Jahrhunderte musste das Wasser vom nahen Brucktal herauf gekarrt werden. Ab 1712 wurde dann durch Bronzerohre das Wasser aus Alt-Aglishardt (Schwedenbrünnele) in den Hof geleitet. Weil dies aber nicht befriedigte, wurde 1737 mit den gleichen Rohren das Wasser vom nahen Brucktal durch Tretpumpen herauf gedrückt. Ein hydraulischer Widder tat dies dann von dort ab 1868. Dieser Widder wurde 1890 durch eine Dampfmaschine ersetzt, der um 1924 ein Elektromotor folgte. 1965 erfolgte der Anschluss an die Albwasserversorgung. Über Dachrinnen war schon ab 1700 das Regenwasser in einer Hülbe gesammelt worden.

1771 Brand: Die ganze östliche Seite des Hofs brannte am 11. Juli 1771 durch einen Blitzschlag völlig nieder. Der Brandschaden wurde auf 10.000 Gulden geschätzt. In aller Eile wurde zunächst das Käshaus wieder erstellt, um die täglich anfallende Milch verwerten zu können. Noch vor der Ernte 1771, wurde eine neue separate und mehr von der Straße weg nach Osten gerückte Fruchtscheuer für 3000 Garben gebaut. 1772 konnte dann das Wohnhaus mit dem Türmchen wieder geweiht werden. Weil die alte Glocke beim Brand geschmolzen war, wurde vom Glockengießer Ludwig Neubert in Ludwigsburg 1773 eine neue Glocke gegossen. Noch vor 1823 wurde zwischen das obere Schäferhaus und die untere Fruchtscheuer rechts im Hof eine Schafscheuer gebaut. Ebenso links oben ein mit dem Giebel zur Straße stehender Viehstall, oberhalb der Fruchtscheuern von 1771.

Die Herrschaft gibt den Eigenbau auf und verpachtet den Hof auf 12 Jahre um 900 Gulden pro Jahr an Christoph Egerter, der zuvor auf dem Gaißbühl bei Reutlingen gewesen war. 1756 pachteten den Hof die Familien Häußler und Merkle aus Lustnau um 850 Gulden im Jahr. Ab 1762 hatte den Hof wieder die Familie Buchs in Pacht, die ihn schon von 1679 bis 1700 inne gehabt hatte. Ihnen gesellte sich dann 1764 Andreas Julmy aus der Schweiz zu, der vorher den Pfählhof bei Urach betrieben hatte. Ab 1768 übernahm dieser Julmy den Hof um 730 Gulden pro Jahr allein. Unter Julmy, der den Hof bis 1799 hatte, brannte er dann 1771 teilweise ab. Von 1800 bis 1828 betrieben den Hof die Familien Länge und Kalmbach aus Hengen, bzw. aus Roßwälden/Böhringen.

1828: Die Herrschaft bietet den Hof zum Verkauf an: Im öffentlichen Verkauf ersteigerte ihn zunächst die Gemeinde Böhringen um 15.300 Gulden. Nach mehreren Nachgeboten unter der Hand, erhielt schließlich der Rittmeister Gustav Leonhard von Vischer-Ihingen den Zuschlag um 20.000 Gulden.Die Herrschaft hat damals die Wälder mit insgesamt ca. 260 ha einbehalten. Die seit 1345 von den Böhringer Bauern betriebenen Wiesen in Ichenhausen, Mieshalden, Eimerbronn und Lehren samt dem Birkacker, mit zusammen 150 ha, wurden 1828 der Markung Böhringen einverleibt. Der Hof Aglishardt hatte somit 1828 noch eine Größe von ca. 190 ha. Davon wurden von den Vischers 1898 ca. 16 ha im Hoföschle an Gruorner Bauern verkauft. Etliche Hektare waren Viehtriebe und Wege, die auch von den Böhringern mit benutzt wurden.

Gustav Leonhard von Vischer, ließ Aglishardt von dem Verwalter Jakob Maurer aus Rutesheim betreiben. Dieser hoch qualifizierte Agronom brachte den Hof alsbald zur Hochblühte. Als Gustav Leonhard von Vischer-Ihingen 1838 verstarb, setzte dessen Witwe den Hof zum Verkauf aus. Die Gemeinde Böhringen ersteigerte ihn um 44000 Gulden – nun zum dritten Male. Die Witwe behielt den Hof jedoch für sich und ließ ihn durch ihren Bruder Wilhelm Rath, einen "Fortschrittsmann" weiter betreiben. In Raths Zeit fällt der Bau der neuen Hofsteige ins Brucktal, sowie der Kauf und die Übertragung der Zehntscheuer aus Zainingen nach Aglishardt. Auch ist 1848 bereits ein Pferdegetriebener Göppel auf dem Hof vorhanden. In Raths Zeit wurde insbesondere der Rapsanbau forciert. Nach Raths Abgang übernahm 1859 Adolf von Vischer-Ihingen, der Sohn des Hofkäufers Gustav Leonhard, Aglishardt. Er ließ 1861 das Schäferhaus nach Gruorn versetzen und baute an dessen Platz das heutige Herrenhaus, sowie links oben im Hof einen Pferdestall. Nach seinem Tod 1891 übernahm Aglishardt sein zweiter Sohn Richard von Vischer-Ihingen. In dessen Zeit fällt 1899 der Umbau des Herrenhauses (Mansardendach) und 1902 der Umbau der unteren Schafscheuer zu einem Erholungsheim. Im Jahr 1905 wurde auf Aglishardt ein eigener Friedhof angelegt.

Nach dem Tod von Richard von Vischer-Ihingen übernahm 1906 sein älterer Bruder Wilhelm den Hof. Dieser war zuvor in Stuttgart als Hofmarschall in Diensten der Herzogin Wera von Württemberg, Großfürstin von Russland gestanden. Er betrieb den Hof bis 1931 in eigener Regie, ehe er ihn an die Familie Eißler verpachtete, die ihn bis 2004 inne hatte. Wilhelm von Vischer-Ihingen erweiterte 1922 das Herrenhaus in Richtung Westen, nach Plänen des Stuttgarter Architekten Hugo Schlösser, der auch die Villa Reitzenstein in der Landeshauptstadt gebaut hatte. 1941, nach dem Tod von Wilhelm von Vischer-Ihingen, ging der Hof Aglishardt an seine drei Töchter, Olga Freifrau Göler von Ravensburg, Gerda von Vischer-Ihingen und Margarethe Freifrau vom Holtz, zu gleichen Teilen über. Über den Enkel des Wilhelm von Vischer-Ihingen, Dr. Bernhard Freiherr Göler von Ravensburg, in dessen Zeit 1948 der obere Viehstall abgebrochen und neu aufgebaut wurde, kam dessen Hofanteil an seine Tochter, Christa Freifrau von Tessin, die seit 2004 zusammen mit ihrem Sohn, Dr. Peter Freiherr von Tessin den Hof besitzt und ihn an Agr.Ing. Hans Gerhard Fink aus Nellingen-Oppingen verpachtet hat. Da Christa Freifrau von Tessin und ihr Sohn, Dr. Peter Freiherr von Tessin in ihrer Ahnenreihe auch einen Philipp von Sperberseck (gest.1708) aufweisen können, ist Aglishardt heute somit wieder in Händen von demselben Geschlecht, dem es schon vor 1180 gehört hat.

Ernst Strähle, Im Widumhof 4, Römerstein-Böhringen, Tel 07382/5347